hier kommt eine auswahl von teksten.
ersteinmal die lebenswichtigen meldungen aus dem alltag. dann prosa. und wer die überlebt hat findet weiter unten lyrik. gerne nehme ich bestellungen entgegen und schicke weitere beispiele einschlägiger weltliteratur per eMail nach hause.
Lichtstraße
Unser neuer Nachbar ist unglücklich. Der Lärm den wir beim Renovieren machen macht ihn noch unglücklicher und das lässt er uns wissen. Nachts hören wir wie er sich in der Wohnung über uns bewegt. Er wechselt die Räume. Er räumt um. Er schiebt Möbel von einer Stelle auf die nächste. Wir liegen im Bett und können nicht schlafen. Am nächste Morgen gehe ich hoch zu ihm doch er öffnet die Türe nicht. Wenn ich ihn mal zufällig im Hausflur treffe tur er so als sieht er mich nicht und geht wortlos in seine Wohnung. Ich gebe es auf.
Eines Nachts beginnt es zu Regnen. Als wäre da keine Decke mehr in unserem Schlafzimmer regnet es auf uns drauf und wir liegen nass in unserem Bett. Über uns musst der Nachbar gebadet und danach die Badewanne umgestossen haben.
Nach drei Tagen wächst ein grüner Stengel aus der Stelle durch die das Wasser kam. Nach einer Woche ist aus dem Stengel ein Pilz geworden, der mir mit seinen gefährlichen Sporen droht. Ich kann die Atemwege des Babies zusetzten, drohte er mir, jedesmal wenn ich ins Schlafzimmer komme. Das Baby kann sich nicht wehren, ich muss es schützen, soviel hab ich schon verstanden, das sind die Regeln in meinem neuen Leben als Mutter. Also passe ich den Nachbarn ab und lasse ihn diesmal nicht entkommen. Ich schimpfe mit ihm. Das macht ihn noch trauriger als zuvor. Jetzt läßt er sich gar nicht mehr blicken und verschiebt nur noch wütender und beharrlicher seine Möbel.
Dann sehen wir ihn zwei Wochen lang nicht. Er hat die Fenstern verschlossen, seine Post quillt ungelesen aus seinem Briefkasten. Über uns ist es ruhig.
Die ersten Maden fallen in mein Arbeitszimmer. In regelmäßigen Abständen schlagen sie auf dem Laminatboden auf und kriechen unters Regal. Ich rufe die Vermieterin an, und die bestellt den Rattex Mann. Der Mann, der kommt hat viel Erfahrung in seinem Job als Kammerjäger. Und die Maden die ich im Eimer gesammelt habe sind seiner Meinung nach zu zahlreich um den Tod einer Katze anzuzeigen. Wo denn unser Nachbar sei will er wissen, und wie lang ich den denn schon nicht gesehen hätte. Sofort wird mir klar dass ich nicht so hätte schimpfen sollen mit dem Nachbarn.
Der Polizist den wir rufen bleibt nur eine Sekunde in seiner Wohnung. Dann hat er die Nase voll und ruft seine Kollegen von der Kripo. Zwei Typen in schwarzen Lederjacken tauchen auf. Die haben schon viel gesehen und machen Witze.
Sie gehen in seine Wohnung und bleiben lange oben. Dann öffnen sie die Fenster und der Geruch der Leiche durchtränkte die sommerliche Luft. Alle die in der Straße wohnen können jetzt riechen dass hier der Nachbar gestorben ist. Die Männer beugen sich aus dem Fenster und brüllen über den Hof: War der Mann Künstler? denn sie haben seine Bilder in der Wohnung gefunden
Er selbst liegt als schwarze Leiche auf seinem Bett. Er muss seit zwei Wochen tot sein, stellen die Männer in den Lederjacken fest.
Ich frage sie nach der Katze. Da ist keine Katze, da sind sich die Männer von der Kripo ganz sicher.
In der nächsten Nacht schreit die einsame Katze in der Wohnung des Nachbarn ihre Klage über ihr alleinsein und den Futterentzug in die dunkle Nacht. Mein Freund liegt neben mir und träumt vom Nachbarn. Er träumt, dass der Nachbar an seine Tür klopft und ihn fragt: Warum hast du mich nicht gerettet? Und dabei sieht er so schwarz aus, wie ihn die Kripo auf dem Bett gefunden hat.
Johnny Cash
Er liegt in meinen Armen. Ich drehe den Kopf und stecke meine Nase an die Stelle wo sein Arm an seiner Brust angewachsen ist. Ein Biotop. Hier in feuchter Wärme zersetzen sich Bakterien die dazu führen, dass der Mann riecht, wie er riecht. In der Nähe meiner Nase ist mein Mund und ich kann schmecken, was ich rieche. Auch meine Augen werden nass davon. Das ganze Gebiet unter seinem Arm ist jetzt nass. Sein Schweiss meine Spucke.
Zwischen den beiden Achseln die Brust. Irgendwo auf der Hälfte gibt es einen Scheitel. Von dieser Linie aus wachsen die Haare nach oben und nach unten. Das war bei seinem Vater, bei seinem Großvater und bei dessen Vater so. Der harte Körper wird weich durch die Haare. Wie auf ein Kopfkissen aus dem die Federn quellen lege ich mein Ohr auf seine Brust.
Ich höre sein Herz nicht. Aber er muss eines haben denn er sagt sein Herz schlägt für mich.
Die zarten Gefühle von denen er mit erzählt werden von den wilden Gefühlen im Bauch übertönt und dadurch bekommt er eine Erektion. Damit darf ich machen was ich will.
Nachher schläft er ein und ich gehe. Auf dem Weg nach Hause kommt mir eine Kneipe entgegen. Ich will sie nicht enttäuschen und lasse sie rein.
Sie hat merkwürdige Bewohner. Aus den Boxen kommt Jonny Cash. Hier bin ich richtig, hier zwischen Tresen und Barhocker. Unter der Kante vom Tresen hänge ich meine Handtasche an einen Haken. Jonny Cash kommt uns jetzt allen ganz nah, so dass wir mitsingen müssen wenn wir nicht weinen wollen.
Um fünf Uhr klappt die Kneipe ihre Augendeckel zu. Um sechs spuckt sie uns auf die Strasse. Die Vögel haben wieder nichts kapiert und zwitschern während ich meinen Weg nach Hause suche.
Merkwürdige Menschen
Mein Leben schwämmt mir merkwürdige Menschen ins Gesichtsfeld. Sie reden mit mir oder lachen über mich. Ich lasse sie ihre Merkwürdigkeiten in mir verbreiten. Ich mache Platz, damit sie alles von innen einnehmen und glitschig machen können.
Manche wollen soweit nicht gehen und bleiben draussen, klopfen nur ans Fenster um sich zu zeigen. Bei denen habe ich es leicht, sie muß ich nur ansehen. Ich bin gut im Schauen, ich mache die andern wichtig wenn ich hingucke. Ich spanne dabei die Augen an um nichts zu verpassen. Das was ich sehe erzähle ich und bekomme viel Lob dafür.
Dann bin ich wieder allein. Allein vor meinem Fernseher aus dem die ganze Werbung rausquillt. Die Werber tun so als werben sie um mich, aber sie können mich nicht meinen. Das ist an andere adressiert, das Versprochene und ich möchte die für die es bestimmt ist nicht treffen. Und trotzdem merke ich mir jeden Satz den die Werber sagen.
Wenn ich einen neuen Menschen kennenlerne der noch mehr von mir will als nur gesehen werden kann ich das kaum glauben und bin neugierig. Ich bin neugierig auf alles was er sagt, auf das was er tut, darauf wie er riecht und wie er aussieht nach dem Kino. Ich will von ihm wissen wie seine Mutter zu ihm war und stell mir vor dabeigewesen zu sein als sie ihn geschlagen hat so, dass es zum ersten mal richtig weh tat. Ich merke mir seine Geschichten. Jede Geschichte die er erzählt bekommt in mir einen Raum zur Verfügung, in dem sie weiter spuken kann. Für jede seiner Sehnsüchte werd ich die Dealerin, ich lege mich richtig ins Zeug, um sie zu erfüllen. Ich entwickel ein Bündel Gefühle für ihn dass ich ab da umhertrage wie ein treuer Hund die Zeitung seines Herrchens. Das hält unsere Herzen beieinander und dafür bin ich schließlich da.
Hinterher habe ich ein Stück verstanden von dem was mein Fernseher mit erzählt. Ein bischen meinen sie jetzt auch mich, die, die die Produkte anpreisen. Sie wollen mich zum kaufen bewegen, und es macht mich stolz wenn ich wählen darf. Es ist so schön der Illusion zu erliegen, dass die freie Wahl zu haben, frei sein bedeutet und zu zweit zu sein was anderes als allein sein ist.
Das Amt
Sie fälschen Atteste, sie speichern pornografisches Material auf ihrem Rechner und betrügen bei der Zeiterfasssung. Sie machen sexuelle Übergriffe und kommen betrunken zum Dienst. Sie täuschen Migräne vor.
Die Menschen vom Amt sind hin und hergerissen. Sie fühlen sich sicher und haben Angst. Wenn sie zu Ende gearbeitet haben wärmen sie sich an dem blauen Licht in ihren Wohnzimmern.
Sie fahren dreimal im Jahr in den Urlaub und sammeln Überstunden auf ihrem Arbeitszeikonto. Wenn sie eine neue Waschmaschine brauchen, gehen sie zu Saturn und kaufen sich eine, mit der Umdrehungszahl ihrer Wahl. Vorher waren sie beim Mediamarkt und haben die Preise verglichen. Die richtige Wahl zu treffen, macht sie zufrieden.
Meine Kollegen wirken immer wichtig obwohl sie manchmal nichts zu tun haben. Dann schauen sie nach Schnäppchen im Intranet oder sie bewerben sich auf einen anderen Dienstposten. Wenn jemand ins Zimmer kommt wirken sie gerne beschäftigt, sie beginnen dienstliche Sätze in ihrem Büros und beenden sie dann laut auf dem Flur.
Bei der Planung der Weihnachtsfeier müssen sie viele Dinge bedenken. Deswegen beginnen sie im April damit. Die Weihnachtsfeier ist ein Erfolg, wenn alle betrunken waren und sich neue Paarungen ergeben haben. Am Montag nach der Feier ist alles beim Alten. Aber die, die lang geblieben sind genießen bei denen, die auch lang da waren heimliche Komplizenschaft.
In der Adventszeit gibt es einen Adventkalender.
Weil ich noch nicht lange da bin, werd ich eingewiesen was ich zu tun habe, wenn ich dazugehören will. Ich bin mir nicht sicher ob ich dazugehören will, aber um hier dabei zu sein muß ich nur ein Geschenk kaufen, nicht teurer als ein Euro. Das scheint mir ein fairer Preis zu sein, um auszuprobieren, wie das mitmachen ist.
An dem Termin an dem ich das Geschenkt mitbringen soll vergesse ich es. Jetzt hängen statt 24 Päckchen nur 23 da, und das macht die Frau die für den reibungslosen Ablauf der Advendzeit zuständig ist nervös. Jetzt hat die mit der Nummer eins, die die sich als erstes eines von den Päckchen aussuchen darf, nicht die ihr zustehende Anzahl der Wahl zur Verfügung.
Das ist in all den Jahren noch nicht vorgekommen. Ich hätte es wissen müssen, dass es schief geht. In den meißten Päckchen die ausgepackt werden in den nächsten vier Wochen befinden sich Kerzen. Die bekommt man schon für einen Euro auf dem Weihnachtsmarkt und die sehen auch nett aus. Herr Münzer wählt mein Paket, ein flaches Reklamheft mit dem Titel Philosophie für Einsteiger. Als er es auspackt, weiß jeder sofort, dass es von mir ist. Ich merke das und schäm mich für soviele platte Winkerei mit dem Zaunpfahl meinerseits. Noch am gleichen Tag ruft mich die Referatsleiterin zu sich und bitte mich darum, mich das nächste mal an die Regeln zu halten, denn das Buch war teurer als vereinbart.
Der Joghurtbecher
Heute Morgen fuhr ich an einem Sperrmüllhaufen vorbei, es regnet, es windete und doch sah ich ihn deutlich. Neben einer zerlegten Schrankwand, Regalbrettern und alten Monitoren stand er: Ein überdimensional großer Joghurtbecher.
Den wird da wohl jemand vergessen haben dachte ich und fuhr die Straße hoch.
Als ich mein Ziel erreicht hatte und die gleiche Straße wieder herunter fuhr, sah ich ihn wieder und schaute genauer hin: Es war ein ungeöffnetes Erdbeerjoghurt, 250 Kilo Inhalt, 3,5 Prozent Fett ohne Zugabe von künstlichen Aromastoffen, linksdrehend. Ich geriet ins Schwanken. Anhalten, aufessen oder weiterfahren? Zum Glück donnerte in diesem Moment ein riesiger Lastwagen an mir vorbei, unterbrach meine mentale Verwirrung und bewegte mich meinem ersten Impuls zu folgen.
Ich hielt also mit meinem Fahrrad genau neben dem Sperrmüllhaufen, um den sich inzwischen schon eine Traube von Menschen scharte. Einer ergriff das Wort: „Wir sollten erst mal auf das Verfallsdatum gucken, ober der hier überhaupt so rum stehen darf“.
Dann fügte er erklärend hinzu:“Ja guckt mal, da drüben ist ein Kindergarten.“ Unsere Köpfe bewegten sich in die vorgegebene Richtung. Tatsächlich. Da sah man den Spielplatz von der kleinen evangelischen Kinderarche.“Wenn er über dem Verfallsdatum ist, wird er gewiß bald explodieren“, warf eine Frau im roten Plüschmantel ein, aber ich hatte da Gefühl, sie machte sich mehr Sorgen um ihren albernen Mantel als um die Kinder in der Arche.
„Wie auch immer, wir müssen auf die Seitenlasche gucken, nur so können wir das Verfallsdatum herrausbekommen und einschätzen, ob er eine Gefahr ist“. Das leuchtet uns allen ein, und drei Männer begannen sofort die Schrankwand wegzuräumen, um die Seitenlasche freizulegen. Nun konnte man das Datum deutlich sehen: 17.05.2005. Der war ungefährlich.
Erleichtert lächelten wir uns zu, und steckten unschlüssig die Hände in die Taschen, es war schließlich sehr kalt und der Regen wurde immer stärker. „Wenn das so ist, kann man ihn ja auch noch essen“ . Eine kleine Frau, die trotz des Regens in T-Shirt und kurzer Hose an der Laterne lehnte, klemmte sich jetzt zwei leere Alpina Weiß Farbeimer unter den Arm, ging zu dem Erdbeerjoghurt, nahm ein kleines Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche und schnitt ein großes Loch in den Becher. Sofort quoll appetitlich rosa Joghurt in den Eimer. Wir staunten und ein paar machten es ihr sofort nach. Ein Mann der keinen Farbeimer mehr erwischt hatte, ließ den Joghurt sogar direkt in seinen Rucksack laufen, das fand ich schon etwas seltsam. Aber jeder muß selbst wissen, was er tut, dachte ich und durchforstete meine Tasche nach einem geeigneten Behälter für meinen, wie ich fand mit zustehenden Anteil.
Ich fand aber nur eine zerknüllte lidl Tüte, die wenig später prall gefüllt am Henkel meines Fahrrades nach Hause baumelte.
Unterwegs dachte ich mir schon mal Ausreden aus für mein um Erklärung bittendes Kind, aber über: frag nicht so doof die verkaufen Joghurt doch immer so beim Lidl, bin ich leider nicht hinausgekommen.
Geschmeckt hat der Joghurt übrigens wirklich gut und was zuviel war haben wir eingefroren.
Ode an die Berufsgruppe der Fotografen
Meine Liebe zu Fotografen schlägt hohe Wellen. Krönchen aus Gold und Silber möchte ich ihnen aufsetzen.
Fotografen- die friedlichsten Geschöpfe unter der heißen Sonne. Edle Licht Kenner, hintergründigen Chemie Versteher .
Ach, hätte ich doch einen Fotografen. Niemand kann so friedliche und schön wie sie Menschen abschießen, keiner geht so schnell nah ran und hat doch nur eines im Sinne, bannen, einfangen, konservieren. Sie können so schöne Geräusche machen, haben meistens niedliche Assistenten dabei und sind so nachsichtig mit den Marotten ihrer Modells. Oh, sie kennen die ganadenlose Handschrift des Alterns so gut und können so wirksam was dagegen tun.
Ich hätte so gerne einen Fotografen, ganz für mich alleine. Ich würde ihn immer knipsen lassen und zuschauen dabei. Solange ich das elegante Beugen des Oberkörpers von der Seite aus betrachten kann, das gefällige Schnurren der Nikon höre so lange will ich zufrieden sein. Und niemals mehr über die häßlichen Fotos meckern, die sie von einem zu machen pflegen. Ja, ich find Fotografen toll, deren Zeit so kostbar ist. Am liebsten würde ich mir Fünf von ihnen auf einmal mieten und ihnen beim Knipsen zuschauen und den ganzen Tag würde nur Kraftwerk laufen, nichts anderes.
Wirbel und Säulen
Diejenigen mit den großen Köpfen, die beim Denken fast vorn überfallen, die variable Inhalte aus Konserven verschiedener Anbaugebiete leer löffeln und nacherzählen, im dritten Haus stehen, den Mond daneben, sie könnten sich nicht entscheiden tief zu tauchen, worein auch wo doch ohnehin alle Meere vergiftet, alle Wasser künstlich mit Kohlensäure versetzt.
Und dann meiner Wirbelsäule Umhüllung. Immerhin nicht locker genug um mit einem Dübel vergleichbar der in die Wand und doll gedreht.
Trotzdem wendig bleiben um sich nicht verstricken oder einweben zu lassen. Besser ausbüxen. Besser ausgebüchst.
Heute hab ich ihn zum Hanfkauf überredet und von da aus ist es zum Anbau nicht mehr weit, aber wer sagt, daß ich jemals würdig werden will. Kreditwürdig.
Vielleicht ist mein eigener Begriff von Würde schon entlang der Wirbelsäulen der Schwerkraft folgend nach unten, nach unten immer wieder nach unten und doch nicht zu tief heruntergefallen.
Aber es gibt ein Schlauchboot das mich trägt um die darunterliegenden Kirchturmspitzen mit einer hohlen Hand zu berühren, oder vielleicht sogar einmal in einer dieser Unterwasserstädte zu schwimmen oder zu tauchen. Doch so tief müßte man ersteinmal kommen um den Kirchhof genauer zu betrachten oder, besser noch, in der Sakristei den Mosaikfußboden zu zählen. Dann stellte sich bestimmt ein Druck auf den Ohren ein doch die Ohren sind zum hören da und wer nicht hören will muß fühlen da wo die fleischigen Schrauben am Rande des Kopfes sind hört der Kopf auf. Da kann man sich sicher sein.
Tief und unten wachsen im Idealfall Bäume mit Wurzeln, die bei jedem Schritt sich lösen und gleichzeitig verwurzeln, vielleicht sind es aber auch nur Algen.
Nach dem Sakristeibesuch würde man vielleicht ins Pfarrhaus schwimmen, um da der Familie beim Suppelöffeln zu zusehen. Vielleicht wären die unten handelnden Personen, die im Handeln gestoppten Personen bewachsen mit allerlei Schneckengetier und Wasserparasiten. Vielleicht klebten sie auch unterm Balkendach.
Denn die Schwerkraft wäre aus den Angeln gehoben, auf den Kopf gestellt und ihrer einzigen Eigenart beraubt. Es gibt Dinge die sind danach nichts mehr.
Denn unter Wasser ist sie außer kraft gesetzt und zuerst der Kopf dann die Schultern und dann der Rest glitschten nach oben, ins Freie, ins Luftige zurück.
Wasser liefe noch die Wirbelsäule runter bis sich idealerweise zwei Pfützen bilden würden.
Ein Mond weiter, im vierten Haus gäbe es dann die Kinder aus der Begegnung mit dem Kirchturm und dem männlichen Teil der Pfarrfamilie und die Wirbelsäule würde vielleicht ein, zweimal vielversprechend knacken.
Vergleiche hinken
Am Morgen treffe ich dich am Frühstückstisch und lese dir neue Geschichten vor. Die eine beginnt so:
Nach unserem Streit lag ein Haufen Scherben vor meiner Zimmertür denn unsere Seelen hatten Polterabend gefeiert.
Einen Text der so anfängt, den würde ich niemals zu ende lesen, brüllst du mir sofort über die linke Schulter zu. Meine Augen blicken tief in dein Hirn hinein als ich dir antworte: Das, mein Lieber, steht doch außer Frage, versteht sich von selbst, ist sogarnicht der Rede wert- schließlich ließt du keine guten Bücher. Ich doch auch nicht. Und ausserdem: Über literarische Themen haben wir uns doch noch nie gestritten, nicht in die Haare bekommen, sind immer konform gegangen.
Und, weißt du, fahre ich fort, auf dieser kleinen feinen zufälligen Gemeinsamkeit des nicht lesen Würdens, auf dieser nicht mal kleinste Atome bewegenden Marotte reiten wir seit Jahren wacker drauf rum und benehmen uns als ginge ein monstergroßes tierisches Roß als Beschützer unserer Beziehung an unserer Seite. Bis das Pferdchen irgendwann erschöpft alle Viere von sich streckt, nicht mehr kann, sich nicht mehr bemüht, nicht mehr bemüht werden kann. Wahrscheinlich wird in dem Moment die Sonne untergehen, blutrot im Meer versinken und dem Mond die Zügel gelangweilt in Hände drücken, die beiden wechseln schließlich jeden Abend das Zepter. Aus Zwang!!
Deine Vergleiche hinken, das Pferd muß zum Hufschmied und du zum Arzt, du malst schwarz, spiel mal in einer andere Tonart auf, wähl mal die Pastellpalette oder setze endlich wieder deine rosa Sonnenbrille auf, die bei der rechten Disposition angeblich epileptische Anfälle verursacht- jetzt schreist du nicht mehr, du zischst mir ins hörige Ohr.
Worauf ich meine Bücher zusammenklappe -schweige- über die Scherben springe und in mein Zimmer geh!
Julja Schneider, Gedichte 1995 – 2000, Auswahl
Der Gehörnte war da
sagst du schreist klagst laut
Leisgetretenes an
dein Licht brennt schatte Steppen ab
Täglich nun klopf ich an
veraltet Losung murmelnd
biete Lebenswandel gegen Gottbeweis
vielleicht bin ich richtig du falsch
Am Nachmittag
runden wachsen bauen sich
farbe Streifen
aus dem
Regensonnenhimmel
geometrie
täglich sitzt er zufallässig
auf einer kugel im bahnhof lächelnd
ins haar geschmierte gesten
in die menge blicken seine hirnaugen lesen
DAS ANSPANNEN EINES BAUCHMUSKELS
VERWANDELT IHRE ERREGUNG IN WUT
ist dies eine werbebotschaft meines stammhirns
frage an das gegenüber
das wie eine betonwand auf dem tennisplatz
die eine seite plan
die andere gewölbt
seine bälle zurückspielt
nun zieht er retourkutschen
durch seine beziehungsweise er
sitzt auf einer kugel im bahnhof
und versucht zu sehen mit
angestrengte hirnaugen
sich rätsel zu lösen
er kämmt sein haar
lernt niemand würde einen zug verpassen
gar entgleisen lassen
um mit ihm durch lehm zu wandern
seine schuhsohlen zu deuten zeichen
zu lesen
lauschige tänzer
lauschigen tänzern unzugehörig das hirn
gespült mit aufgelegtem platten system
der kopf eifrig summend sich durch
neue zeilen schlingt ich verlasse
um auf einer asphaltierten einsam
nach hause zu glänzen da einer pissender weise
mir entgegenhängt sein geschmeidiges erbärme
in der hand ich schiele schnurstracks ignorant
und unerkannt verschlüsselt vierseitig bewärmt
und privat eingeboxt mit sicht auf baumbau
die nacht mal ruhe einzufinden bis ein traum
sich klopft beachtmich an die decke
und schlägt die zeilen erbrochene zeitgenossen
teilen sich einen frisch erlegten rochen
aus ihrem verstecke die ich
in den frühstücksfisch kratzte
an meinen schultern
der atem der nächtlichen katze
topoi til dawn
in rinnstein gegossen da heißt es
verfall nicht dem ewigen kreisen
zweier hände glutsystem um eine aschenschüssel
wahrlich fliegen auch neue worteverhüller
doch die bleiben auf krücken saugnäpfen gleich
weißflüchtiger schaum im schädelgerüst
die der nachtzuvielen kündigt ein seichtes leuchten
auf das dunkel plötzliches blättergrün
ein tag durch gezückte bahnen aus stoff
dann enttarnt die relation das zersetzende moment
ihn als ort wo es leuchtwasser gibt für glühende herzen
wienzeilen und politisch
speckige engel betrachtend
suchte ich im pubertierenden jahrhundert
eine antwort für mich
da fielen mir parallelen auf
im universum
scharf schäfer tausend schaafe
die nichts anderes Wollten als:
blök & scher mich
so scherte ich zum bahnhof
und fand mich stunden später
geborgen wie in den armen einer gottesanbeterin
(sitzfritten konkav)
in einem zug wieder
der mich nach köln schieben sollte
am nächsten morgen hörnchen
und keine topfengulatschen
nachdem ich ausgeStiegen und diese hinunter
spähte ich mit wollpullis bekleidete
die standen unter infoschirmen
glotzten und klatschten
als man ihnen mit eingängigen piktogrammen
das wetter erklärte
und so die erkältungen mehrte
im speckigen jahrhundert
und ich dachte noch links und rechts
kann man nicht verwexseln
welch ein irrtum
nachts
der richtung des tages fogt die nacht, das einzige organ welches niemals erkrankt. ich wußte, daß sie noch da sein würde, wenn ich kam. wäre ich um drei gekommen hätte sie auch grad gehen wollen. seltsamer weise wußte ich auch was ich hören wollte, und war überrascht, daß du nicht mitsangst. sie hatte ihre kontaklinsenflüssigkeit nicht dabei. immerhin waren die gesellschaftlichen belange bei euch nicht zu kurz gekommen. du gabst ihr deine texte und hofftest auf ein anerkennendes seufzen in anbetracht deiner verwirrten seele, sie erklärte dir vater und mutter, und es wuchsen haare zwischen deinen augen, lang und blond. jedenfalls zu lang, zu licht, weil ich dunkel bin, nicht blond. würde eher gehen den orkus herab als zu sein blond und irgendwann zu wollen aber nicht zu können, weil ich meine kontaktlinsenflüssigkeit nicht dabei hätte.
dieses L wird sich in die optik einbrennen
motorkulisse hinter beton
verlegte geometrie vor unseren augen
hier ist alles tiefgarage
während ich die bojen an den stromleitungen messe
die blumen aus draht wippe
krümmst du belichtungszeit
und zählst sekunden
steigst in einen aufzugschacht
erklärst mir die blende aufzumacht
das lichte L zu absorbieren
ich zog mir den kinderschuh nicht an
gott macht fotos fürs archiev
G land ete nix e
gelandete nixe
hatte keine
nässe zum verleben
schwatzte sie gar
anderen vom mund ab
gebärden sprach sie
plusterte hausbacken
dann spielten sie trennen
ihre nieren zuckten
fairsagten o.k.
Gottes kaltwelker Hand
farblose Landunter
laugelbe Wasser
Flossen verschweißt
warten die Trinker
wandeln die Arten
aufs winkende Schiff
König verkront
entlaugter Zersinn
Blick auf Endzug-
ein Lächeln
der Sturm
holz
die zündhölzer meines großvaters
und die langen sätze türmen sich
auf meinem tisch am morgen trinke ich
den tee und rede die freundin
ich rufe sie an und leihe geld DM ohne
ich gehe zum essen und sehe die serie an es ist sonntag
die leute aus dem traum tauchen auf
sie kauen meinen fisch ich höre
die platten und wische den tisch
ich fahre das rad nach hause und
auf dem schreibtisch türmen sich
die langen sätze ich türme nichts
ich schreibe bin schalldichter im
luftschutzraum und trinke den tee
& höre platten mit den leuten aus dem traum
die fühlen sich zuhause
ich türme dem tisch und schreibe
den fisch und es ist sonntag
mit den zündhölzer meines großvaters
bin ich schall und rauch dichter
und zünde und türme
den leuten aus meinem traum
den schall den rauch den schaum
es ist sonntag
lyren
aufgefächerte
blumen aus filz
umschließen schlossen
eure münder die müden
formbar mein seifenohr
sekt kwoll aus meinen augen
nun liege ich
in sternenfedern brach
bin beatmet
früher hieß lesen
im ausgeleuchteten federkanal
erträumtes werden
heute malt sprachgrün
über strauchgrün verkürzung desein
draussen waxen mondbrauen
seine lampenplatten
blinzeln nicht zwinkern
trägen schein herauf
(diesen den sichelfängern)
Stimmvieh
Hinter den Stirnen
warten Worte auf ihre Entsprechung
Lauschen
der Stimme hinterher
um Stimmung nach Aufklang
abzutönen
Schall wellt sich von
Gegenübers Zunge Luftschlägerei
um durch Windung gebohrt
Sinn freizusetzen
mit der Stimme seifen
Gehörgänge ein
Es glitscht der Ton
rein die Bedeutung
bleibt hängen in der Luft
Daran schlagen sie sich die Köpfe ein
Weil er nicht kommt
wenn ich ihn rufe
im Zeitgefühl gebändigt
kriegsgeschwängert
und klamm
doch wenn ich ausgetestet bin
in Echtzeit für wahr befunden
sinnlos verwundert
scheinbar vertraut
Stunden weise gebärend
dann zollt die Zeit
als sie wurd
und fällt sich ein Ende
weißes betasten buchstaben
vollpudern den schirm den schwarzen
die schwankenden nächte
wollten nicht recht
leichtigkeit gebären
keiner da der ebenen zählte die
verwaxsenen bezüge rügte
das alles geschah auf diesem
planeten hell dunkel
zu eben
die über wasser gehen
sind gegner den wölfen zu heulen
aber
ein viertel aus dem kreis
ist altmond
eine fühlerei
ein tagelied umsungen
ist kein fluß nicht ein tau
ist mit bedacht ausgefühlt
abgedichtet
und so ungetrunken
zu ebener erde
trockenen fußes
eingeklopft













